Biodiversität und Solarenergie – wie Photovoltaik und Naturschutz zusammenpassen

Biodiversität und Solarenergie – wie Photovoltaik und Naturschutz zusammenpassen

Die Energiewende ist einer der wichtigsten Schritte im Kampf gegen den Klimawandel. Gleichzeitig steht der Verlust der biologischen Vielfalt als ebenso dramatische ökologische Krise neben der Klimakrise. Oft werden erneuerbare Energien und Naturschutz als Gegensätze dargestellt – doch ist das wirklich so? Dieser Artikel zeigt, wie moderne Solaranlagen nicht nur klimafreundlichen Strom produzieren, sondern auch aktiv zur Förderung der Biodiversität beitragen können.

Solarenergie und Flächennutzung – ein vermeintlicher Konflikt

Die wachsende Zahl von Solarparks steht häufig in der Kritik, weil sie Flächen beanspruchen, die auch für Landwirtschaft oder als natürliche Lebensräume dienen könnten. Tatsächlich belegt eine Freiflächen-Photovoltaikanlage etwa 1-2 Hektar pro Megawatt installierter Leistung. Bei genauerer Betrachtung bieten diese Flächen jedoch ein enormes Potenzial für die Biodiversität – vorausgesetzt, sie werden entsprechend geplant und bewirtschaftet.

Biodiversitätsfreundliche Gestaltung von Solarparks

Ein ökologisch konzipierter Solarpark kann im Vergleich zu intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen eine deutlich höhere Artenvielfalt aufweisen. Folgende Elemente tragen zu einer naturverträglichen Gestaltung bei:

Optimale Abstände und Aufständerung

  • Reihenabstände: Großzügige Abstände zwischen den Modulreihen ermöglichen mehr Lichteinfall und fördern eine vielfältigere Vegetation.
  • Modulhöhe: Eine ausreichende Höhe der Module (oft über 80 cm) erlaubt auch höherwüchsigen Pflanzen das Gedeihen und gibt Kleintieren Raum.
  • Verschattungsdynamik: Der wandernde Schatten der Module erzeugt unterschiedliche Mikroklimata, die verschiedenen Arten Lebensraum bieten.

Extensive Grünlandpflege

  • Artenreiche Einsaat: Die Verwendung von regionaltypischen Wildblumenmischungen schafft wertvolle Nahrungsquellen für Insekten.
  • Schonende Mahd: Mosaikartige, zeitlich versetzte Mahd erhält ständig blühende Bereiche als Nahrungsquelle und Rückzugsräume.
  • Verzicht auf Pestizide: Der konsequente Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel schont Insekten und Bodenorganismen.
  • Beweidungskonzepte: Extensive Beweidung, etwa mit Schafen, kann die Artenvielfalt fördern und ersetzt maschinelle Pflege.

Strukturelle Vielfalt

Die Integration verschiedener Landschaftselemente steigert die ökologische Wertigkeit eines Solarparks deutlich:

  • Hecken und Gehölzstreifen: Als Umrandung oder Durchgrünung bieten sie Vögeln und Kleinsäugern Nist- und Rückzugsmöglichkeiten.
  • Feuchtbiotope: Kleine Teiche oder temporäre Wasserflächen ziehen Amphibien und Libellen an.
  • Trockenmauern und Steinhaufen: Diese Strukturen dienen Reptilien, Wildbienen und anderen Insekten als Lebensraum.
  • Totholz: Abgestorbene Baumstämme oder Asthaufen sind wichtige Habitate für xylobionte (holzbewohnende) Arten.

Agri-Photovoltaik – doppelte Landnutzung für maximalen Nutzen

Einen besonders innovativen Ansatz stellt die Agri-Photovoltaik (Agri-PV) dar, bei der landwirtschaftliche Nutzung und Solarstromerzeugung auf derselben Fläche kombiniert werden:

Verschiedene Agri-PV-Systeme:

  • Hochaufgeständerte Anlagen: Module in 4-6 Metern Höhe erlauben den Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen darunter.
  • Vertikal aufgestellte Module: Die "Solarzäune" lassen viel Platz für Ackerbau zwischen den Reihen.
  • Tracking-Systeme: Bewegliche Module, die der Sonne nachgeführt werden, optimieren sowohl den Stromertrag als auch die Beschattung der Kulturen.

Die teilweise Beschattung durch die Solarmodule kann in Zeiten zunehmender Hitze- und Dürreperioden sogar vorteilhaft sein, da sie Pflanzen vor Austrocknung schützt und Bewässerungsbedarf reduziert. Studien zeigen, dass bestimmte Kulturen wie Beeren, diverse Gemüsesorten oder Spezialkulturen unter teilverschatteten Bedingungen sogar höhere Erträge erzielen können.

Solaranlagen auf dem Dach – Biodiversitätsoasen in der Stadt

Nicht nur Freiflächenanlagen, auch Photovoltaik auf Dächern kann zur Förderung der Artenvielfalt beitragen, besonders in urbanen Räumen:

Grüne Dächer mit Photovoltaik

  • Synergie-Effekte: Dachbegrünung kühlt die Solarmodule und steigert deren Effizienz um bis zu 5%.
  • Substrattiefe: Eine Substratschicht von 10-15 cm ermöglicht vielfältige Bepflanzung.
  • Pflanzenauswahl: Trockenheitsresistente heimische Arten wie Sedum, Thymian oder Wildgräser bieten Nahrung für Insekten.
  • Solare Beschattung: Der Wechsel von sonnigen und beschatteten Bereichen schafft unterschiedliche Mikroklimata.

Nistmöglichkeiten für Stadttiere

Die Unterkonstruktion von PV-Anlagen kann gezielt für zusätzliche Tierhabitate genutzt werden:

  • Nistkästen für Vögel: Integrierte oder angebrachte Nisthilfen für Mauersegler, Haussperlinge oder Meisen.
  • Fledermausquartiere: Spezielle Kästen oder Spalten bieten Unterschlupf für stadtangepasste Fledermausarten.
  • Insektenhotels: Strukturen für Wildbienen und andere Insekten erhöhen den ökologischen Wert der Anlage.

Vorteile für die Tier- und Pflanzenwelt

Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen belegen die positiven Effekte naturverträglich gestalteter Solarparks auf die Biodiversität:

Nachgewiesene Effekte auf die Artenvielfalt

  • Insektenvielfalt: Bis zu sechsmal mehr Insektenarten im Vergleich zu konventionell bewirtschafteten Agrarflächen.
  • Bestäuber: Signifikant höhere Anzahl und Diversität von Wildbienen, Schmetterlingen und Schwebfliegen.
  • Vogelarten: Vermehrtes Vorkommen von bodenbrütenden Arten wie Feldlerche oder Rebhuhn sowie Nahrungsgästen.
  • Kleinsäuger: Wichtige Rückzugsräume für Feldhase, Mäuse und Spitzmäuse, die wiederum Nahrung für Greifvögel bieten.

Ökologische Funktionen

Naturnahe Solarparks können wichtige Ökosystemfunktionen erfüllen:

  • Biotopverbund: Sie dienen als Trittsteine zwischen isolierten Naturräumen und fördern den genetischen Austausch.
  • Bestäubung: Durch die hohe Dichte an Blühpflanzen unterstützen sie die Bestäubung auch umliegender Nutzpflanzen.
  • Bodenschutz: Die permanente Vegetationsdecke verhindert Erosion und fördert Humusaufbau.
  • Grundwasserschutz: Durch den Verzicht auf Düngemittel und Pestizide wird das Grundwasser geschont.

Best-Practice-Beispiele für biodiversitätsfreundliche Solaranlagen

Zahlreiche Projekte zeigen bereits heute, wie Solarenergie und Naturschutz erfolgreich kombiniert werden können:

Beispiel 1: Solarpark "Bienen-Blüten-Ernte"

In Bayern wurde ein 10-Hektar-Solarpark mit speziellen Blühstreifen angelegt, die als Nahrungsquelle für Honig- und Wildbienen dienen. Die Flächen zwischen den Modulreihen werden von einem lokalen Imker mitbetreut, der dort auch Bienenstöcke aufgestellt hat. Der gewonnene "Solar-Honig" wird regional vermarktet und schafft zusätzliche Wertschöpfung.

Beispiel 2: Agri-PV-Forschungsanlage Heggelbach

Auf dem Hofgut Heggelbach am Bodensee werden seit 2016 auf einer 2,5 Hektar großen Demonstrationsanlage verschiedene Feldfrüchte unter hochaufgeständerten Solarmodulen angebaut. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass bei bestimmten Kulturen bis zu 80% der ursprünglichen Erträge auch unter den Modulen erzielt werden können, während gleichzeitig erneuerbarer Strom produziert wird.

Beispiel 3: Biodiversitäts-Solarpark Oberrheinstetten

Dieser Solarpark wurde in Zusammenarbeit mit Naturschutzexperten geplant und umfasst verschiedene Biotopstrukturen wie Feuchtbereiche, Steinhaufen und heimische Gehölze. Ein wissenschaftliches Monitoring dokumentiert die Entwicklung der Artenvielfalt und zeigt bereits nach wenigen Jahren eine deutliche Zunahme seltener Arten im Vergleich zur vorherigen intensiven landwirtschaftlichen Nutzung.

Zertifizierungen und Standards für naturverträgliche Photovoltaik

Verschiedene Initiativen haben Standards entwickelt, die eine biodiversitätsfreundliche Gestaltung von Solaranlagen fördern und sicherstellen:

Qualitätssiegel und Leitfäden

  • "Naturverträgliche Solarparks": Zertifizierung durch den Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne) mit konkreten Anforderungen an die ökologische Gestaltung.
  • "Biodiversität im Solarbaukasten": Leitfaden des Deutschen Verbands für Landschaftspflege (DVL) mit praxisnahen Empfehlungen.
  • "Gute Agri-PV": Kriterienkatalog der Fraunhofer-Gesellschaft für nachhaltige Agri-Photovoltaik-Systeme.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Die Gesetzgebung unterstützt zunehmend biodiversitätsfördernde Maßnahmen bei Solaranlagen:

  • EEG-Förderung: Besondere Vergütungssätze für biodiversitätsfördernde Maßnahmen in Solarparks in einigen Bundesländern.
  • Bauleitplanung: Kommunen können ökologische Anforderungen in ihren Bebauungsplänen für Solarparks festlegen.
  • Agri-PV-Regelungen: Spezielle rechtliche Rahmen, die die Kombination von Landwirtschaft und Solarenergie erleichtern.

Wirtschaftliche Aspekte biodiversitätsfreundlicher Solaranlagen

Auch wirtschaftlich betrachtet bietet die naturverträgliche Gestaltung von Solaranlagen Vorteile:

Kosten-Nutzen-Analyse

  • Initialkosten: Die biodiversitätsfreundliche Gestaltung verursacht anfänglich Mehrkosten von etwa 2-5% der Gesamtinvestition.
  • Wartungskosten: Extensive Pflege ist häufig kostengünstiger als intensive Mahd oder Mulchen.
  • Flächenpacht: Durch das verbesserte Image sind Grundstückseigentümer oft eher bereit, Flächen für ökologisch hochwertige Solarparks zu verpachten.
  • Akzeptanz: Naturverträgliche Solarparks werden von der lokalen Bevölkerung besser akzeptiert, was Genehmigungsverfahren beschleunigen kann.

Zusätzliche Wertschöpfung

Innovative Betreiber erschließen sich durch die Kombination von Biodiversitätsförderung und Solarenergie neue Einkommensquellen:

  • Bildungsangebote: Führungen und Umweltbildung für Schulen und interessierte Bürger.
  • Vermarktung von Nebenprodukten: "Solar-Honig", Heu aus extensiver Mahd oder Fleisch von Weidetieren.
  • Ökosponsoring: Unternehmen können Patenschaften für Biodiversitätsflächen in Solarparks übernehmen.
  • Ökopunkte: In einigen Bundesländern können Biodiversitätsmaßnahmen als Ausgleichsmaßnahmen anerkannt werden.

Fazit: Solarenergie als Chance für die Biodiversität

Die vermeintliche Konkurrenz zwischen Energiewende und Naturschutz erweist sich bei näherer Betrachtung als Chance für sinnvolle Synergien. Naturverträglich gestaltete Solaranlagen können nicht nur klimafreundlichen Strom produzieren, sondern auch aktiv zur Förderung der biologischen Vielfalt beitragen.

Besonders in einer intensiv genutzten Agrarlandschaft bieten sie wertvolle Rückzugsräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Innovative Konzepte wie Agri-Photovoltaik gehen noch einen Schritt weiter und ermöglichen eine echte Mehrfachnutzung von Flächen.

Für Betreiber von Solaranlagen lohnt es sich, von Anfang an auf biodiversitätsfreundliche Planung zu setzen. Die moderat höheren Investitionskosten amortisieren sich durch vereinfachte Genehmigungsverfahren, eine höhere Akzeptanz und mögliche zusätzliche Einnahmequellen. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag zum Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen.

Die Energiewende kann und sollte Hand in Hand mit dem Naturschutz gehen – zum Wohle unseres Planeten und zukünftiger Generationen.

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